04.07.07

High-Tech-Landkarte mit Zusatzfunktion

Jürgen Dressel als Teilnehmer der ESRI-Anwenderkonferenz in San Diego.

Jürgen Dressel

Interview mit Jürgen Dressel, GeoDok-Geschäftsführer, über Geoinformationswirtschaft

Quelle: Ostwestfälische Wirtschaft, Zeitschrift der Industrie- und Handelskammer Ostwestfalen zu Bielefeld, 6/2007, S. 8

Herr Dressel, bitte erklären Sie in drei Sätzen, was sich hinter dem Begriff Geoinformationswirtschaft verbirgt.

Dressel: Die Geoinformationswirtschaft stellt Daten und Software zur Bearbeitung von raumbezogenen Informationen bereit, zum Beispiel über einen Einzelhandelsstandort oder ein Gewerbegebiet. Die klassischen Einsatzgebiete sind das Katasterwesen, aber auch Umweltbehörden oder Straßenplaner setzen schon lange Geodaten und Geographische Informationssysteme (GIS) ein.

Hat die gute alte Landkarte demnach bald ausgedient?

Dressel: Die gute alte Landkarte ist in der Regel eine amtliche Karte und die ist wesentliche Grundlage für die Geoinformatik. Zusätzlich werden fachspezifische Themen auf die Landkarte projiziert. Beim Gewerbeflächenatlas Ostwestfalen-Lippe werden beispielsweise Gewerbeflächenstandorte in Beziehung zur Infrastruktur, wie Autobahnanbindungen, abgebildet.

Seit wann gibt es die Geoinformationswirtschaft als Branche?

Dressel: Die Geoinformatik hat einen Wandel von sehr teuren Expertensystemen aus den 70er- und 80er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts hinter sich. Einen richtigen Boom hat es durch die Nutzung von Internettechnologien gegeben, in die geographische Informationstechnologien integriert wurden. Durch die Web-GIS-Technologien sind diese Expertensysteme in die Breite gegangen. Heute gibt es leicht zu bedienende Infosysteme für viele Branchen, Ziel ist es, ?Geoinformationssysteme für jeden? anzubieten.

Welche Branchen greifen bereits auf Geoinformationssysteme zurück?

Dressel: Es gibt die klassischen Nutzer wie zum Beispiel Raumplaner, Vermessungsingenieure oder Katasterämter. Neu

hinzugekommen sind zum Beispiel Wirtschaftsförderer, die solche Systeme für das Standortmarketing nutzen, aber auch für den Tourismus bieten sich Anwendungen an. So lassen sich beispielsweise Fahrradrouten oder Wanderwege in Tourismusportalen mit interaktiven Karten anzeigen und als GPS herunterladen. Das Autonavigationssystem und die Routenplanung im Internet greifen ebenfalls auf Geoinformationssysteme zurück.

Welchen Nutzen haben Unternehmen von solchen Systemen?

Dressel: Insgesamt bilden Geoinformationen eine wichtige Grundlage für Entscheidungen in Wirtschaft, Verwaltung und Politik. Mittels Geomarketing können Firmen ihre Zielgruppen identifizieren, zum Beispiel in welchen Stadtteilen die potenziellen Kunden leben. Darauf lässt sich dann die Werbung gezielt abstellen. Wenn ein Automobilhersteller ein familienfreundliches Auto bewerben will, dann trifft er die Auswahl der Plakatstandorte anhand von Daten über Einkommens- und Familienstruktur.

Welche Kosten entstehen für Unternehmen?

Dressel: Es kommt darauf an, welcher Mehrwert geschaffen werden soll. Für eine Vertriebsgebietsplanung reichen einige wenige tausend Euro. Für komplexe integrierte Enterprise-Lösungen sind fünf bis sechsstellige Summen notwendig.

Welches Entwicklungspotenzial sehen Sie für Geoinformationssysteme?

Dressel: Als Zielgruppe kommen eigentlich alle Menschen in Frage. Die Reise vom Experten- in den Consumer-Bereich hat bereits begonnen. Informationen, die einmal erfasst wurden, können mehrfach genutzt werden. Spannend ist die Frage, wie unterschiedliche Systeme vernetzt werden können.

Welche Risiken bestehen, zum Beispiel im Hinblick auf den Datenschutz?

Dressel: Datenspuren, die ein Individuum beim elektronischen Bezahlen hinterlässt, sind bereits da. Durch Geodaten kommt eine neue Spur hinzu. Wo kaufe ich ein, in welchem Stadtteil lebe ich ? solche Daten lassen sich gezielt für individualisierte Werbung nutzen. Es besteht die Gefahr der subtilen Manipulation. Als Bürger sollte man aufpassen, was passiert. Hier sind die Datenschützer gefragt. Andererseits bieten die so genannten ?local based services? auch Chancen: In einer Stadt, in der man sich nicht auskennt, kann so der Weg zu einem Restaurant oder einem Treffpunkt mittels Geodaten und Handy angezeigt werden.

Das Interview führte Heiko Stoll.